Interview: „Biogas ist ein wahres Multitalent“

Ende 2008 wurde die Gesellschaft Mabagas gegründet, die sich seither im Markt für Biogas engagiert. Wir haben Frank Walter Riering und Daniel Weisser, die beiden Geschäftsführer, zu aktuellen Entwicklungen, künftiger Ausrichtung und den Besonderheiten dieses Geschäftsfeldes befragt.

Wie kam es zur Gründung von Mabagas?
DW:
Der Einstieg in das Geschäftsfeld Biogas kam über die Proenergy, die sich als Energiecontractor ja mit den unterschiedlichsten Energieträgern beschäftigt. Ab dem Jahr 2000 wurde Biogas aufgrund gesetzlicher Änderungen zunehmend interessant. Aber alle bis dahin von Proenergy evaluierten Anlagen arbeiteten durch fehlende Wärmekonzepte wirtschaftlich nicht effizient genug. Das über diese Aktivitäten gesammelte Know-how führte aber dazu, sich diesen noch jungen Markt genauer anzuschauen. Die endgültige Entscheidung zur Gründung einer eigenen Gesellschaft fiel dann auf dem M&B-Strategiemeeting in Schwielow, in dessen Anschluss Herr Handels und ich auf Bitte von Herrn Lokhorst einen Businessplan erstellten, der das Projekt in Lünen bereits einschloss.
FWR: Die Biogasanlage Lünen war zu dem Zeitpunkt schon in der Planung. Bereits zwei Jahre zuvor haben wir uns intensiv mit den Möglichkeiten beschäftigt, die Biogas bietet und so kamen wir zu der Idee, gemeinsam mit einem Stadtwerk eine Biogasanlage zu realisieren. Diese Überlegungen führten dann zu dem Bau der Biogasanlage in Lünen – und damit auch zur Gründung von Mabagas

Warum Biogas?
DW:
Biogas bietet viele Vorteile. Es weist eine hervorragende CO2-Bilanz aus und trägt somit konsequent zur Erreichung der Klimaschutzziele der EU und der Bundesregierung bei. Es kann nahezu in allen handelsüblichen erdgasbetriebenen Geräten wie Heizkesseln, Blockheizkraftwerken oder Ottomotoren eingesetzt werden. Eingespeist in das Erdgasnetz ist es eine speicherbare Energieform (ein Vorteil gegenüber z. B. Wind und Solarenergie) und kann in der Stromerzeugung zur Spitzenlastabdeckung verwendet werden.

Wie ist der Biogasmarkt strukturiert?
FWR:
Wir haben es mit einem sehr regionalen Markt zu tun, d. h., das Biogas wird zurzeit noch dort verbraucht, wo es auch hergestellt wird. Bundesweit gibt es einige Hundert relevante Marktteilnehmer: Projektplaner, Anlagenbauer, Betreiber, Substratlieferanten und Abnehmer.

Was sind die Besonderheiten dieses Marktes?
FWR:
Im Gegensatz zu den etablierten Energieträgern gibt es im Biogasmarkt noch keine klaren Strukturen, dafür aber viele Marktteilnehmer, die jeweils nur ihren Teil bei der Realisierung von Projekten abbilden; dadurch werden Projekte oft nicht bis zu Ende gedacht. Dies wirkte sich bei bereits realisierten Anlagen häufig negativ auf den wirtschaftlichen Betrieb der Anlagen aus und trübt somit das Bild der Branche. Mabagas hat sich durch ihr professionelles Auftreten und ihre seriöse Arbeitsweise aber bereits einen guten Namen gemacht, was auch zur Steigerung der Werthaltigkeit des Marktes an sich beiträgt.
DW: Das ist ein wichtiger Aspekt, denn gerade in der Aufbauphase kann ein junger Markt mitunter seltsame Blüten treiben. Ein Beispiel sind der KWK-Bonus und seine Auswirkungen. Dieser Bonus kommt Betreibern von Anlagen zugute, die die beim Produktionsprozess entstandene Wärme selbst nutzen oder einer Nutzung zuführen.
FWR: Mit der Folge, dass es Landwirte gibt, die mit der Wärme ihrer Biogasanlage Fischzuchtbecken beheizen, die gar keine Fische enthalten, nur um sich die zusätzliche Vergütung des Stroms zu sichern. Das kann natürlich nicht Sinn der Sache sein.

Wie wird Biogas hergestellt?
DW:
Wir unterscheiden grundsätzlich zwei Arten von Substratgruppen zur Biogasgewinnung: So genanntes Nawaro-Gas entsteht durch die Vergärung nachwachsender Rohstoffe, wie Mais oder Elefantengras. Ferner wird Biogas auch durch die Vergärung von Rest- und Abfallstoffen, wie zum Beispiel überlagerten Lebensmitteln und Schlachtabfällen, gewonnen. Da in Deutschland das Nawaro- Gas stärker durch politische Anreize und Rahmenbedingungen gefördert wird, werden in Deutschland überwiegend Nawaro- Gasanlagen gebaut und betrieben. In Indien, wo der Gesetzgeber nicht zwischen den Rohstoffarten unterscheidet,
sind Biogasanlagen, die Abfall- und Reststoffe nutzen, wirtschaftlicher. Während Nawaro-Gas im Vergleich zu Erdgas zwar auch eine gute Umweltbilanz hat, sehen wir aber in der Verarbeitung von Agrarreststoffen die sinnvollere Methode.
FWR: Daher konzentrieren wir uns seitens Mabagas auf nationale und internationale Biogasprojekte, bei denen es im Schwerpunkt um die Verwertung von Reststoffen geht. Aufgrund der momentan höheren Einspeisevergütung für Nawaro-Gas wird in Deutschland auch Nawaro-Gas, speziell bei der KWK-Nutzung (KWK = Kraft-Wärme-Kopplung) nachgefragt.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie im Bereich Biogas?
FWR:
Gegenwärtig wird Biogas zu 90 Prozent als Primärenergie im Bereich Stromerzeugung genutzt. Biogas kann aber deutlich mehr. In Zukunft sehen wir eine Marktentwicklung hin zu einer dreigeteilten Nutzung von Biogas: 1/3 Strom, 1/3 Erdgas und 1/3 Kraftstoff.
DW: Der Energieträger Biogas ist ein wahres Multitalent und vielseitig nutzbar. Mit dem Einsatz im Bereich Strom- und Wärmeerzeugung sind die Möglichkeiten bei weitem nicht ausgeschöpft. Deshalb möchten wir mit Mabagas weg von der reinen Nutzung von Biogas als Stromlieferant und suchen gezielt neue Vermarktungswege. Durch die Aufbereitung des Gases auf einen Methangehalt von ca. 96 Prozent entspricht es in der Zusammensetzung Erdgas und kann direkt
ins Erdgasnetz eingespeist und an Endverbraucher wie z. B. Haushalte verkauft werden. Auch die Nutzung als Biokraftstof  ist möglich. Biogas liefert so auch interessante Ansätze zur Zusammenarbeit mit anderen Gesellschaften der M&B-Gruppe, wie Petronord, natGAS, Mabanaft oder OIL!.
FWR: Da Biogas ohne staatliche Förderung heute häufig noch nicht wettbewerbsfähig ist, brauchen diese Entwicklungsmöglichkeiten natürlich noch Zeit, bis sie sich durchsetzen und vor allem auch rentabel sind. Unser Ziel ist daher der Aufbau eines eigenen Vertriebs, um so Projekte von Anfang an selbst entwickeln zu können und die Anlagen auf die Bedürfnisse der Gasabnehmer abzustimmen und schließlich die Wirtschaftlichkeit sicherzustellen.

Stellt die Zertifizierungspflicht eine zusätzliche Herausforderung dar?
DW:
Natürlich unterliegt auch die Biogasgewinnung einer Nachweispflicht zur Nachhaltigkeit und Effizienz des Produktionsprozesses. Die Auflagen sind aber nicht so streng und aufwendig wie bei Biokraftstoffen, die mit importierten Rohstoffen hergestellt werden wie z. B. Palm- oder Sojaöl bzw. SME/PME, auch deshalb, weil Biogas regional produziert und verwendet wird.

Sie sind beide Geschäftsführer von Mabagas. Wer ist für welche Aufgaben zuständig?
FWR:
Wir haben die Aufgaben nach Regionen aufgeteilt: Während Herr Weisser vorrangig die internationalen Projekte betreut, konzentriere ich mich auf den nationalen und europäischen Markt.
DW: Da wir uns momentan noch im Aufbau befinden und das Geschäftsfeld noch sehr jung ist, liegt der Aufgabenschwerpunkt neben der Betreuung des indischen Joint Venture zurzeit noch in Deutschland. Diese Pionierarbeit lässt sich am besten im Team leisten und so nutzen wir uns gegenseitig als Sparringspartner, um das weitere Vorgehen zu diskutieren.

Welche Projekte verfolgen Sie aktuell in Deutschland?
FWR:
Gegenwärtig entwickeln wir drei Biogasanlagenstandorte: zwei Anlagen mit Rest- und Abfallstoffen und eine Nawaro-Gasanlage. Dazu muss man wissen, dass wir jedes Projekt auf Herz und Nieren prüfen und seit unserer Gründung bereits mehr als 15 Anlagenstandorte nicht mehr weiterverfolgt haben, da diese unseren Anforderungen nicht gerecht wurden. Unsere nächste Aufgabe ist es nun, die geplante Biogasproduktion zu vermarkten. Als künftige Abnehmer sprechen wir vor allem mit regionalen Gasversorgern. Ein Ansatz ist es, hier z. B. Biogas zur Beimischung in das „normale Erdgas“ anzubieten und dies dann an interessierte Haushaltskunden, die eine Gasheizung betreiben, zu liefern.
DW: In diesem Zusammenhang suchen wir auch das Gespräch mit den Kollegen der Petronord, die ja gerade ihr eigenes Erdgasprodukt entwickelt haben.

Und welche internationalen Projekte sind derzeit in Planung?
DW:
Wir verfolgen momentan fünf Projekte in Indien. Das Land hat ein Biogaspotenzial von angeblich 10 Gigawatt. Dieser Wert liegt fast siebenmal über dem der derzeit in Deutschland installierten Biogasanlageleistung, und das nur im Bereich der Abfallverwertung. Da wir unser Kerngeschäft in diesem Bereich ansiedeln wollen, herrschen dort für uns ideale Bedingungen. Die aktuell geplanten Anlagen sollen z. B. mit Hühnermist oder Abfällen aus der Zuckerproduktion sowie der Tapiokaverarbeitung betrieben werden. Die Vertriebsansätze für das so gewonnene Biogas sehen dabei ganz unterschiedlich aus: klassisch über die Einspeisung ins Stromnetz, was auch in Indien durch den Staat gefördert wird, aber auch als Kochgas in Form von in Flaschen abgefülltem Biogas. Und auch ein Einstieg in den Emissionshandel wäre auf dem indischen Markt vorstellbar und wird mit unseren Kollegen von Mabanaft BV bereits intensiv diskutiert. Die Standorte sind im Südwesten Indiens verteilt, was IOT Mabagas zum einzigen nationalen Projektierer auf dem indischen Markt macht.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Mabagas und IOT Mabagas?
FWR:
Inklusive der Geschäftsführung sind wir in Deutschland gegenwärtig vier Personen. Mit dem Umzug von Bochum nach Hamburg werden wir das Team um eine Assistentin, eine Controllerin undeine Wirtschaftsjuristin erweitern. Dabei ist es uns wichtig, die Kernkompetenz
für die Planung/Genehmigungen, den Bau und den Betrieb unserer Anlagen im eigenen Hause zu haben. Sonstige, z. B. kaufmännische Themen wie die Buchhaltung und andere Aufgaben wie z.B. HSSE werden uns durch die zentralen Abteilungen der M&B angeboten. Dies hilft uns mit wenig Personal auszukommen und somit unser Budget zu schonen.
DW: In Indien haben wir derzeit vier Kollegen, die das Geschäft vor Ort betreuen, können dabei aber auf das Knowhow, Personal und die Kontakte von IOT Infrastructure & Energy Services Ltd. zurückgreifen, was der Hauptgrund war, den Einstieg ins internationale Biogasgeschäft in Indien zu starten.

Warum haben Sie den Firmensitz nach Hamburg verlegt?
FWR:
Mit der Biogasanlage Lünen haben wir bewiesen, dass wir ein Projekt dieser Größenordnung erfolgreich realisieren können. Gleichzeitig haben wir viele Erfahrungen gesammelt und sehen für die Zukunft wie schon erwähnt weitere interessante Einsatzmöglichkeiten von Biogas im Bereich Kraftstoff und Einspeisung in das Erdgasnetz. Dabei möchten wir die Synergiemöglichkeiten innerhalb der M&B nutzen, z. B. mit der Mabanaft, wenn es um die Beimischung von Biokraftstoffen zu fossilen Kraftstoffen geht. Andere Beispiele, wie ein Biogasprodukt für das Endkundengeschäft der Petronord zu entwickeln, haben wir ja bereits genannt. Dies ist mit den kurzen Wegen, die wir in Hamburg haben, um ein Vielfaches einfacher.

Was sind die nächsten Schritte, nachdem Sie mit dem Ausstieg aus Lünen aktuell keine Anlage betreiben?
FWR:
Dieser Ausstieg kurz nach Inbetriebnahme war die absolute Ausnahme. Unsere erklärte Zielsetzung war es von Anfang an, Biogasanlagen nicht nur zu planen und zu bauen, sondern sie auch selbst zu betreiben. Das gilt auch zukünftig, hier werden wir keine Kompromisse machen.
DW: Beim Betrieb der Anlagen wollen wir federführend sein, weil Betriebsstörungen oder unzureichende Betriebsführung durch externes Personal es unmöglich machen, sich im Markt fest zu etablieren und dauerhaft rentabel zu arbeiten. Deshalb prüfen wir mögliche Projekte sehr genau und suchen parallel nach neuen Vertriebsmöglichkeiten.
FWR: Mabagas passt ideal in die M&BGruppe, zumal es viele Parallelen gibt: Wir investieren in industrielle Anlagen wie Oiltanking, treiben Handel wie Mabanaft und sind der Effizienz in der
Energieerzeugung verpflichtet wie Proenergy. Wir wollen Mabagas zu einem fest integrierten Mitglied machen und Synergien innerhalb der M&B-Gruppe stärken, ganz im Sinne des Leitgedankens: „Fragt nicht, was die M&B-Gruppe für euch tun kann, sondern fragt, was ihr für die Gruppe tun könnt.“

Vielen Dank für dieses Gespräch.

© 2011 Mabagas GmbH & Co. KG